Finanzierung im stationären Einzelhandel – Erwartung trifft Realität – Meine Tipps!
1. Ausgangserwartung vieler Händler
Viele Einzelhändler gehen mit einer klaren Annahme in Bankgespräche:
- langjähriger Standort
- Stammkundschaft
- täglicher Umsatz
- physische Ware als Sicherheit
Erwartung:
➡️ „Ein Laden mit Laufkundschaft ist solide finanzierbar.“
2. Realität in der Kreditprüfung
Banken bewerten den stationären Einzelhandel heute deutlich kritischer als noch vor zehn Jahren.
Grundannahme der Banken:
➡️ Umsatz ist vorhanden, Zukunftsfähigkeit jedoch unsicher.
Die Kreditentscheidung basiert weniger auf Historie als auf Anpassungsfähigkeit.
3. Einnahmenstruktur (Ist-Zustand)
| Faktor | Bewertung |
|---|---|
| Tagesumsätze | stabil |
| Saisonabhängigkeit | hoch |
| Abhängigkeit vom Standort | sehr hoch |
| Online-Konkurrenz | strukturell |
| Preissetzungsmacht | gering |
➡️ Hoher Umsatz ersetzt keine Marge.
4. Kostenstruktur (bankrelevant)
Fixkosten:
- Miete / Nebenkosten
- Personal
- Versicherungen
- Grundversorgung (Strom, Kasse, IT)
Variable Kosten:
- Wareneinsatz
- Aktionen / Rabatte
- Ladenumbauten
Schon geringe Umsatzrückgänge wirken sich stark auf die Liquidität aus.
5. Typische Finanzierungsanlässe
| Anlass | Bankeinschätzung |
|---|---|
| Ladenumbau | kritisch |
| Sortimentserweiterung | selektiv |
| Übernahme bestehender Läden | nur mit Historie |
| Betriebsmittel | häufig nötig |
| Digitalisierung (POS, Online-Shop) | positiv bewertet |
6. Soll vs. Ist – Bankenvergleich
Soll (aus Händlersicht)
- Kredit für Modernisierung
- flexible Rückzahlung
- schnelle Entscheidung
Ist (aus Banksicht)
- klare Zweckbindung
- Eigenkapital erforderlich
- Fokus auf Liquiditätsreserve
- konservative Umsatzannahmen
➡️ Banken finanzieren Transformation, nicht Stillstand.
7. Geeignete Finanzierungsinstrumente
Betriebsmittelkredit
- zur Überbrückung von Saisons
- kurze Laufzeiten
- strenge Kontrolle
Investitionskredit
- nur bei Umbauten mit Mehrwert
- z. B. Sortiment, Flächennutzung, Erlebnisfaktor
Leasing
- Kassen, IT, Einrichtung
- schont Liquidität
Förderkredite
- besonders für Digitalisierung & Energie
- häufig über Programme der KfW
8. Häufige Ablehnungsgründe
- stagnierender Umsatz über mehrere Jahre
- fehlende Online- oder Omnichannel-Strategie
- zu hohe Miete im Verhältnis zum Umsatz
- keine Liquiditätsreserve
- private Entnahmen trotz schwacher Monate
9. Wann Finanzierung realistisch ist
Einzelhandel ist finanzierbar, wenn mindestens zwei der folgenden Punkte erfüllt sind:
- ergänzender Online-Vertrieb
- klare Spezialisierung / Nische
- stabile Stammkundschaft mit hoher Marge
- flexible Flächennutzung
- realistische Reduktion von Fixkosten
Ohne Anpassung sinkt die Kreditwürdigkeit deutlich.
Der stationäre Einzelhandel ist kein Auslaufmodell – aber ein selektives Finanzierungsmodell.
Banken vergeben Kredite nicht für Tradition, sondern für Weiterentwicklung.
Fazit:
Wer Finanzierung bekommt, nutzt sie zur Anpassung an verändertes Kaufverhalten.
Wer Stillstand finanzieren will, scheitert meist an der Prüfung.